Eurelia und der Osterhase

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    „Kannst du nicht endlich Ruhe geben? Ich denke, du willst ein Mittagsschläfchen halten!“, maunzte es verärgert aus dem Körbchen.  

    „Mir ist langweilig!“, schimpfte Eurelia und schüttelte ungeduldig ihre Arme, so dass die vielen Armreife, die ihre Handgelenke umspielten, zu tanzen anfingen und leise klapperten.
    „Lass uns lieber spazieren gehen … oder … oder…“, überlegte sie, rümpfte ihre lange Nase, bis sie schließlich große Augen bekam und aufjauchzte. Die Hexe warf einen prüfenden Blick auf ihren schwarzen Kater, der zusammengerollt in seinem Körbchen neben dem schweren Schreibtisch lag und unter halb geöffneten Lidern zu ihr hoch schielte. „Zenturo, ich möchte dieses Jahr auch Ostereier suchen gehen, wie die anderen Kinder aus der Nachbarschaft. Wir färben sie uns einfach selbst und verstecken sie dann!“ Sie erhob sich aus ihrem gemütlichen Ohrensessel, in dem schon ihre Großmutter ihre Mittagsschläfchen zu halten pflegte, und strich ihren langen geblümten Rock glatt. „Und - wir müssen uns richtig schwer zu findende Verstecke aussuchen, damit wir möglichst lange damit beschäftigt sind!“, betonte sie mit Nachdruck und versetzte Zenturos Körbchen einen leichten Stoß mit dem Fuß, der in einem grünen Pantoffel steckte. „Hoch mit dir, du nichtsnutziger Faulpelz!“, murrte sie dabei, doch der Kater dachte gar nicht daran. Es streckte sich vielmehr gähnend, zeigte ihr kurz seine Krallen und rollte sich wieder zusammen.

    „Du hast es gut. Das einzige, was du brauchst, ist ein bequemes Bettchen, genug zu fressen und von Zeit zu Zeit meine Kraulehand. Aber nur dass du es weißt: Mit der Kraulerei ist fürs erste Schluss! Ich habe jetzt besseres zu tun.“ Ohne eine Reaktion abzuwarten, machte sie sich auf den Weg in die Küche, als von draußen ein Klingeln ertönte. Das konnte nur eins bedeuten…: „Zenturo, wir haben Poooooost bekommen!“, rief sie erfreut und eilte zur Haustür.

    Vom Postboten war weit und breit nichts mehr zu sehen. Draußen war es immer noch recht frisch. Die ersten Krokusse und Schneeglöckchen lugten bereits aus der Erde. Die Sonne gewann jeden Tag an Kraft. Bald würden auch die letzten kleinen Inseln aus glitzerndem Schnee geschmolzen und endgültig verschwunden sein. Eurelias Briefkasten hing an einem großen Apfelbaum auf halbem Wege zum Gartentürchen. Sie kicherte in sich hinein, denn sie wusste, dass sich der Postbote jedes Mal ein wenig darüber ärgerte, dass sie den Kasten nicht direkt am Gartenzaun angebracht hatte. Doch dieses Mal hatte er sich die Mühe gemacht, ihr ein großes Paket direkt vor die Tür zu legen. Sie schob ihre Unterlippe nach vorne und nahm sich vor, in Zukunft etwas netter zu ihm zu sein.

    „Wer schickt dir denn so ein großes Paket?“, maunzte es erstaunt zu ihren Füßen. Neugierig war er dann doch, dieser Kater! Eurelia schüttelte missbilligend den Kopf und verdrehte ihre grünen Augen. „Vielleicht ist es von meiner Kusine Esmeralda“, überlegte sie laut, verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Sie und ihre Kusine pflegten keinen Kontakt und hatten sich schon ewig nicht mehr geschrieben, geschweige denn gesehen. Verwundert betrachtete sie sich den braunen Einband. Eurelia hatte noch nie zuvor ein so großes Paket bekommen. Gespannt wie ein Fliegenpilz kurz vor der Ernte bückte sie sich und versuchte, einen Absender auszumachen. Aber nur ihr Name war in dicken schwarzen Buchstaben groß obenauf geschrieben – und: <Es eilt!>. Sie rutschte das schwere Paket einmal um die eigene Achse, aber weder ein Stempel, noch eine Aufschrift ließen den Absender erkennen oder wo diese eigenartige Post aufgegeben worden war. Schließlich streckte sie ihre Hand aus und ließ sie dicht über dem braunen Einband ruhen. Ihre langen Finger hielt sie dabei ein wenig gekrümmt. Vorsichtig schaute sie sich nach allen Seiten um, um sicher zu gehen, dass sie nicht beobachtet wurde, und murmelte: „Bei allen staubigen Spinnenweben, komm jetzt mit und versuch, zu schweben!“

    Ganz langsam hob das Paket vom Boden ab und folgte ihr dicht unter der Hand durch den langen Flur und in die Küche hinein. Behutsam hob sie ihren Arm und setzte es auf dem großen Küchentisch ab. Neugierig betrachtete sie es erneut von allen Seiten. Wer hatte bloß an sie gedacht und ihr so ein großes Paket geschickt? Normalerweise trudelten immer nur Rechnungen oder Wurfsendungen bei ihr ein. Gespannt riss sie das Papier herunter. Eine strapazierfähige Holzkiste kam zum Vorschein, auf der zuoberst ein roter Umschlag lag. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn. Mit einem ihrer langen Fingernägel ritzte sie schnell das Kuvert auf, zog ein Blatt Papier hervor und las:

      Liebe Eurelia,
      ich hatte dieses Jahr das Pech, mir mitten in der heißen Färbephase eine Hasengrippe zuzuziehen. Es wäre mir sehr geholfen, wenn du die Eier, die ich dir mit dieser Holzkiste schicke, bunt färben könntest, damit ich sie am Ostersonntag für die Kinder deines Ortes verstecken kann. Deiner Phantasie seien keine Grenzen gesetzt!
      Vielen Dank, der Osterhase.
       

    Eurelia starrte fassungslos auf die krakeligen Zeilen und las den Brief ein zweites Mal durch. „Zenturo, stell dir das mal vor …“, murmelte sie schließlich kopfschüttelnd, „… der Osterhase braucht meine Hilfe!“ Sie ließ den Brief langsam sinken. Der Kater strich an ihrem Bein vorbei und hüpfte mit einem eleganten Satz auf die Ofenbank, von wo er einen besseren Blick auf die Kiste hatte. „Ostersonntag ist schon in zwei Tagen – da wirst du dich ganz schön ins Zeug legen müssen!“, maunzte er und schaute Eurelia skeptisch zu, wie sie die Kiste öffnete, ein Ei nach dem anderen herausnahm und vorsichtig auf ihrem Küchentisch aufreihte. Die leere Kiste wanderte auf den Boden.

    Zenturo legte den Kopf etwas schief, näherte sich langsam mit seiner Pfote einem Ei und stupste es an. „Pfoten weg, du ungehöriger Kater!“, brummte Eurelia und hielt das sich leicht rollende Ei mit zwei Fingern fest, bis es wieder unbeweglich auf dem Tisch lag. „Und was heißt hier, ich habe keine Zeit mehr – das hier ist doch ein Klacks für eine so gute Hexe wie mich“, stellte sie schnippisch fest, kniff ihre Augen zusammen und konzentrierte sich. „Eierpansch und Regenbogen, dass ich’s nicht kann, ist glatt gelogen!“ Dabei hielt sie ihre gekrümmten Finger über einen Teil der Eier. Es puffte leise und bunter Rauch stieg auf. Gleich darauf waren ein halbes Dutzend Eier in allen Regenbogenfarben gefärbt.

    Zenturo warf ihr einen anerkennenden Blick zu. „Nicht schlecht!“, schnurrte er, fuhr aber sogleich spöttisch fort: „Du musst die Eier nur zuerst kochen. Erst dann kannst du sie färben!“ Dabei stupste er erneut eines der Eier mit der Kralle an.

    „Papperlapapp, ich habe das schon immer so gemacht! Und - Zenturo - jetzt hör endlich auf damit“, schimpfte Eurelia verärgert und rettete das noch weiße Ei, das der Tischkante gefährlich nahe gekommen war. Zenturo schaute sie mit großen Augen an. „Du hast doch noch nie in deinem Leben Eier gefärbt!“, stellte er trocken fest.

    „Ach, was du nicht sagst“, entgegnete sie und warf ihrem Kater einen langen trotzigen Blick zu. Der zuckte nur mit den Barthaaren, sprang auf den Boden und zog majestätisch von dannen. Eurelia schüttelte missbilligend ihre roten Locken, sah ihm hinterher und wartete, bis er den Raum verlassen hatte.

    Nun konnte sie sich ganz auf die bevorstehende Aufgabe konzentrieren. Die Hexe holte noch einmal tief Luft, schloss die Augen und hielt beide Hände über die aufgereihten Eier. In leisem Singsang murmelte sie nicht enden wollende Hexensprüche und Zauberformeln vor sich hin. Es blitzte und rauchte, zischte und qualmte in der kleinen Küche.

    Schließlich verzog sich der Rauch. Eurelia öffnete ihre Lider und betrachtete sich ihr Werk. Vor ihr lagen Eier, die in regelmäßigen Abständen ihre Farben wechselten. Andere schimmerten in einem zauberhaften Licht. Einige sahen aus, als ob unablässig ein kleines Küken um die Schale herumlaufen würde und ein Teil der Eier wechselte von oval zu rund, zu quadratisch und gleich darauf wieder zu oval seine Form. Eine Welle der Zufriedenheit durchströmte sie.

    Sehr stolz legte sich Eurelia an diesem Abend zwischen ihre vielen bunten Kissen auf die Ofenbank, um zu schlafen. Zuvor versicherte sie sich noch, dass die Küchentür fest verschlossen war, um zu verhindern, dass Zenturo doch noch etwas kaputt machen konnte. Im Kamin prasselte ein kleines Feuer. Es war warm und gemütlich in der kleinen Küche. Bald war sie tief und fest eingeschlafen. Nicht einmal der Schnellzug nach Altenkirchen, der jedes Mal einen schrillen Pfiff ausstieß, wenn er an ihrem Häuschen vorbeirumpelte, unterbrach ihr gleichmäßiges Schnarchen.

    Am anderen Morgen wurde Eurelia von einem seltsamen Geräusch geweckt. Sie gähnte laut und ärgerte sich darüber. Nach der anstrengenden Arbeit des gestrigen Tages hätte sie gerne noch ein wenig geschlafen. Aber etwas war anders als sonst. Das spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers. Müde rieb sie sich die Augen und streckte sich. Dann fiel ihr Blick auf den Küchentisch. Sie schloss schnell die Augen und atmete drei Mal tief durch. Beinahe hätte sie vor Entsetzen einen Schluckauf bekommen. Doch als sie ihre Augen langsam wieder öffnete und noch einmal hinschaute, war alles genauso wie noch ein paar Sekunden zuvor. Nein, sie hatte richtig gesehen! Die Eier auf ihrem Tisch waren alle verschwunden.

    Stattdessen tummelten sich dort frisch geschlüpfte Küken zwischen aufgebrochenen Eierschalen. Die Tierchen saßen in einem wirren Knäuel übereinander und aufeinander, teils unter dem Tisch, teils in der Kiste und fiepten leise. Doch das merkwürdigste an ihnen war, dass ihr Gefieder nicht gelb, wie es für Küken normal war, sondern bunt leuchtete. Einige hatten Federn in allen Regenbogenfarben, einige schillerten in einem zauberhaften Licht. Bei anderen Küken konnte man den Eindruck gewinnen, als ob der bunte Schatten eines kleinen Schwesterchens unablässig um sie herumlief, und eine Handvoll Küken, die Eurelia am nächsten saßen, plusterten sich in regelmäßigen Abständen auf, so dass es fast so aussah, als würden sie eine quadratische Form annehmen. Eurelia durchfuhr ein riesiger Schrecken. Was würde der Osterhase bloß dazu sagen? An den Spott ihres Katers mochte sie erst gar nicht denken! Langsam sank sie wieder in ihre Kissen zurück und verbannte jeden weiteren Gedanken aus ihrem Kopf.

    In diesem Jahr geriet der Osterhase letztendlich dann doch etwas in Hektik, da er in der Nacht zum Ostersonntag eine Sondereierfärbeschicht einlegen musste, um Eurelias Patzer wieder auszubügeln. Denn die geschlüpften Küken konnten kaum in Osternester gelegt und für die Kinder versteckt werden.
    Doch zu Eurelias großem Erstaunen fand sie nach den Feiertagen einen roten Briefumschlag und einen wunderschönen großen bunten Blumenstrauß vor ihrer Tür.

      Liebe Eurelia,
      Du bist einfach genial. Anstatt zu färben, hast Du Hühner geschaffen, die bunte Eier legen.
      Tausend Dank, Dein Osterhase.

    © 2017 by Martina Türschmann und Ruth Richter - www.miesegrimm.de

    Eurelia und der Osterhase