Eurelia und der Weihnachtswunsch

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    „Wenn du so weitermachst, wirst du dir noch die Stimmbänder heraushexen. Lass es doch einfach bleiben.
    Du schaffst es ja doch nicht“, maunzte es gelangweilt hoch oben aus dem Bücherregal.

    „Spinnenbein und Krötenmilch!“, schimpfte Eurelia und stampfte zweimal kräftig mit dem Fuß auf, so dass die Wände des alten Bahnwärterhäuschens zu zittern anfingen. Man konnte fast meinen, dass der Schnellzug nach Altenkirchen vorbei rumpelte, nur dass kein schriller Pfiff ertönte. Die Hexe schob mit einem energischen Ruck die weiten Ärmel ihres roten Umhanges über die Ellenbogen und hob erneut die Arme in die Höhe. Dabei klapperten die vielen bunten Reife an ihren Handgelenken leise gegeneinander. Die langen Nägel ihrer gekrümmten Finger zeigten dabei auf eine Kristallkugel, die vor ihr auf einem runden einbeinigen Tischchen stand. Eurelia kniff ihre grünen Augen zusammen, holte tief Luft und versuchte erneut, sich zu konzentrieren. Die unzähligen verstaubten Bücher, die in den Regalen rund um sie herum saßen, hielten die Luft an. Der alte braune Globus, den sie vor langer Zeit von ihrer Großmutter geerbt hatte, hörte auf, sich zu drehen. Das Mäuschen Girokko zog sich rückwärts kriechend in sein Mauseloch zurück. Selbst der bunt geschmückte singende Tannenbaum, den sie sich extra für die Weihnachtszeit in ihre Bibliothek gezaubert hatte, verstummte mitten in einem Weihnachtslied und gab keinen Laut mehr von sich. Für einen Moment herrschte absolute Ruhe.

    „In meinem ganzen Leben habe ich noch nie so eine sture Hexe erlebt“, schnurrte es erneut über Eurelias Kopf. Der Spott in Zenturos Stimme war nicht zu überhören. In zwei Sätzen sprang der schwarze Kater elegant von seinem Hochplatz und schritt erhobenen Hauptes an ihr vorbei. „Zentuuuuro!“, heulte die Hexe auf, schnappte sich einen ihrer grünen Pantinen und pfefferte ihn dem Kater hinterher, der fauchend das Weite suchte. Im Pfeffern war sie allerdings noch nie besonders gut gewesen. Sie verfehlte Zenturo und traf stattdessen das große Hexenbuch, das trotz des Lärms an dem wuchtigen Schreibtisch lehnte und ein Nickerchen hielt.

    Zenturo rollte seine gelben Kateraugen und verkroch sich unter dem schweren Möbelstück. Er legte die Vorderpfoten lässig übereinander und wackelte mit seinen grauen Barthaaren. „Ich weiß gar nicht, warum du dir solche Mühe gibst. Du kannst das Christkind nicht einfach verhexen, damit es dir deinen Herzenswunsch erfüllt“, knurrte er beleidigt. „Niemand kann das, nicht einmal du! Zauber dir deinen Wunsch doch einfach selbst herbei!“ Während er das vorschlug, bewegte sich sein Schwanz immerfort hin und her und kitzelte den eichenen Schreibtisch an seinem massiven Fuß.

    „Soll ich dich gleich zu Mäusefutter verarbeiten oder erst wenn ich hier fertig bin?“, fuhr ihn Eurelia an. „Ich will mir meinen Wunsch nicht selbst hexen, das Christkind soll ihn mir bringen. Bei den Kindern in unserer Strasse macht es das ja auch jedes Jahr!“ Ihre Augen funkelten, als sie sich herunter beugte und den Kater mit stechendem Blick fixierte. Zenturo rollte noch einmal mit den Augen. Dann streckte er sich genüsslich und stolzierte an ihrem Rocksaum vorbei zu seinem Körbchen. Mit einem eleganten Satz sprang er hinein und rollte sich zusammen.

    „Ja, ja, schon gut!“, seufzte Eurelia resignierend und strich mit beiden Händen über ihren Rock. Im Grunde ihres Hexenherzens wusste sie ja, dass der Kater Recht hatte. Sie kratzte sich an ihrer großen Hakennase, kehrte der Kristallkugel den Rücken zu und schlurfte langsam in die Küche. Morgen war Weihnachten und sie hatte immer noch keine Aussicht auf ein Geschenk. Schlecht gelaunt ließ sie sich auf einen Stuhl fallen, seufzte und rührte in dem mittlerweile kalt gewordenen Kakao herum, der immer noch auf dem Küchentisch stand und darauf wartete, getrunken zu werden. Wenigstens hatte sie es gemütlich warm in ihrem Häuschen. Das Feuer im Kamin brannte ohne Unterlass und die vielen bunten Kissen und Decken auf der Ofenbank luden dazu ein, sich endlich zur Nachtruhe zu begeben. Ein Blick aus dem mit Eisblumen geschmückten Fenster zeigte ihr, dass es schon sehr spät sein musste. Es war stockdunkel draußen und hatte zu schneien begonnen. Eurelia gähnte herzhaft und reckte sich. Sie steckte einen Finger in ihr Ohr und entfernte einen dicken Pfropfen Ohrenschmalz, den sie auf den Holzstoß neben dem Kamin schnippte. Dann rutschte sie auf ihre Ofenbank und machte es sich gemütlich. Es dauerte nicht lange und sie war eingeschlafen.

    Eurelia schnarchte so laut, dass sie den Nachtzug nicht hörte, der laut an ihrem Häuschen vorbeirumpelte und einen schrillen Pfiff ausstieß - und schon gar nicht hörte sie den zarten Glockenklang, der etwas später für kurze Zeit die Bibliothek erfüllte. So schlief sie tief und fest, bis die Morgensonne zum Fenster herein schien und sie wach kitzelte.

    Die Hexe schlug die Augen auf und schaute direkt in Zenturos schwarzes Gesicht. Ihre beiden Nasen berührten sich beinahe. Der Kater saß mitten auf ihrem Bauch, glotzte sie mit schief gestelltem Kopf an und maunzte, was das Zeug hielt. „Na endlich, du alte Schlafmütze! Steh auf oder willst du Weihnachten verschlafen?“, maunzte er und sprang schnell auf den Boden, bevor Eurelia ihn zu fassen bekam. Noch etwas verschlafen stand sie auf und setzte Teewasser auf. Gleich darauf schlurfte sie in ihre Bibliothek und stutzte. Verwundert blieb sie in der Tür stehen und rieb sich die Augen.

    Die Lichter des Tannenbaums brannten. Den Raum erfüllte leise Weihnachtsmusik, aber was ihren Blick auf sich zog war eine Schale mit Plätzchen unter dem Baum, die sie bestimmt nicht selbst gebacken hatte. Doch wer hatte sie dort hingestellt? Zenturo bestimmt nicht. Eurelia trat langsam in den Raum und konnte es nicht fassen. Dann entdeckte sie ein großes Paket, das in seidenes Papier eingewickelt versteckt unter den tief herunterhängenden Zweigen des Weihnachtsbaums lag. Neugierig zog sie es hervor und betrachtete es von allen Seiten. Voller Vorfreude riss sie es auf. Als Eurelia sah, was sie da vom Christkind geschenkt bekommen hatte, machte ihr Herz einen Hüpfer.

    „Zenturo sieh nur!“, jauchzte sie und hielt dem Kater ein prächtiges Paar Inline-Skater unter die Nase. Es waren genau dieselben, die sie den ganzen letzten Sommer über an den Füßen der Kinder gesehen hatte, die immer und immer wieder an ihrem Fenster vorbeigesaust waren und ihre helle Freude an den Dingern gehabt hatten. Wie sehr hatte Eurelia sich auch so ein Paar gewünscht, ein geschenktes Paar, das sie sich nicht selbst herbeihexen wollte, und das somit umso wertvoller war. Während Zenturo große Augen machte, klatschte Eurelia vor Freude in die Hände und tanzte ein paar Mal um die Kristallkugel herum. Sie kickte ihre grünen Pantinen in eine Ecke und schlüpfte in die neuen Inline-Skater. Erst etwas zittrig, dann immer schneller sauste sie durch die Bibliothek, in die Küche und wieder zurück, rund um den Tisch mit der Kristallkugel und wieder in die Küche. Völlig erschöpft, aber glücklich, ließ sie sich schließlich in ihren Ohrensessel fallen und warf die Beine in die Luft. Eurelia lachte, bis ihr die Tränen in die Augen traten. „Weißt du was, Zenturo?“, japste sie atemlos, „…das macht so einen Spaß, dass ich mir nächstes Jahr vom Osterhasen ein Paar Schlittschuhe wünsche!“

    © 2012 by Martina Türschmann und Ruth Richter - www.miesegrimm.de